Ein Gespräch mit Lúcia, der Gewerkschaftlerin der Landarbeiter und Landarbeiterinnen (STTR – Sindicato dos Trabalhadores e Trabalhadoras Rurais) der Gemeinde São Benedito do Rio Preto.
Nicht die große Agrarindustrie, sondern die familiäre Landwirtschaft bietet der ländlichen Bevölkerung eine nachhaltige Zukunft, versichert uns Lúcia, die Gewerkschaftlerin der Landarbeiter und Landarbeiterinnen von São Benedito do Rio Preto. In der familiären Landwirtschaft bestellt die Familie, das heißt Vater, Mutter und ihre Kinder das eigene Feld mit dem Ziel der Selbstversorgung und dem Verkauf von überschüssigen Produkten auf dem lokalen Markt. In der Region des Baixo Parnaíba, zu der auch die Gemeinde São Benedito gehört, ließen sich in den 80er Jahren die ersten Firmen der Agrarindustrie nieder. Zunächst kamen brasilianische Firmengruppen, wie Marflora und João Santos, um Eukalyptus für die Papierproduktion anzupflanzen. Sie kamen aus den Süd-Staaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná, wo das Potential für Agrarflächen zum Großteil schon ausgeschöpft war. Der Bundesstaat Maranhão war daraufhin auf Grund seiner großen unbestellten Flächen und fruchtbaren Böden für die Unternehmen interessant geworden. Später kamen ausländische Firmen aus Holland und Japan und begannen mit dem Anbau von Soja. Die Zuckerrohrindustrie, mit dem Ziel der Ethanolproduktion, versucht seit längerem in der Region Fuß zu fassen, stößt aber auf Widerstand der lokalen Bevölkerung. Die Bevölkerung der Gemeinde São Benedito weigert sich bislang ihre Flächen an Firmen zu verkaufen. Der Schutz der Ländereien der Kleinbauern ist für die Gewerkschaft eine der größten Errungenschaften. Lúcia vertritt die Meinung: „Ohne Landbesitz keine nachhaltige Entwicklung!“ Zumindest nicht zugunsten der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen. Denn der Verkauf einer Fläche kann auch gleichzeitig die Zerstörung der Subsistenzwirtschaft von bis zu fünfzig Familien, die sich über die Jahre auf den Böden eine Existenz aufgebaut haben, mit sich bringen. Die Vertreibung der Familien, die oft fünf bis zwölf Kinder ernähren, stellt ein großes Problem dar. Sobald ihnen die Lebensgrundlage auf dem Land entzogen wurde, emigrieren viele in die urbanen Zentren. In São Benedito ist der einzige Arbeitgeber die Verwaltung, es gibt kaum Industrie, die eine Ausbildung bieten könnte. So ziehen die landlosen Familien in die Städte, ohne brauchbare Qualifizierung für eine Arbeit in der Stadt.
Das hängt ihrer Meinung nach vor allem mit der Art und Weise zusammen, nach der die Unternehmen vorgehen, um ihre Anbauflächen zu präparieren. Ihre großen Maschinen „holzen alles ab, ohne Rücksicht„. Die Quellen der Nebenflüsse des Rio Preto sind durch den Verlust ihrer Schatten liefernden Vegetation starken Sonneneinstrahlungen ausgesetzt und trocknen aus. Das einzige Ziel der Unternehmen ist die Gewinnmaximierung. Deshalb interessieren sie sich nicht für die Umwelt und die nachhaltige Entwicklung der Region, schlussfolgert Lúcia.
Durch den Regen werden außerdem Pflanzenschutzmittel und Dünger, der zur Wiederaufbereitung des Bodens beim Monokulturanbau eingesetzt wird, in den Fluss gespült. Gemeinsam mit der abnehmenden Wasserführung hat die Verschmutzung des Gewässers starke Auswirkung auf die Fischpopulation. Im Laufe der Jahre hat sich die Fischmenge im Rio Preto stark verringert. Gemeinsam mit dem Anbau von Reis, Bohnen, Kartoffeln und Maniok, welches zu Farinha weiterverarbeitet wird, gehört Fisch zu den Grundnahrungsmitteln der Kleinbauern der Gemeinde São Benedito.
In Coelho Neto, einer Kleinstadt in der Nähe von São Benedito, haben sich Unternehmen der Zuckerrohrindustrie schon seit längerem erfolgreich niedergelassen. Hier werden die Auswirkungen des Zuckerrohranbaus auf Natur und Mensch deutlich. Die auf den Plantagen eingesetzten Pflanzenschutzmittel gelangen über den Wind in die dort ansässigen Gemeinden und vergiften Hunde, Hühner etc.. In der familiären Landwirtschaft hingegen werden keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Zur Verbesserung der Bodenqualität wird lediglich natürlicher Dünger in Form von Gülle verwendet.
Die Agrarindustrie bringt nur zeitweise Arbeit für die Gemeinden. Die Firmen stellen die Landarbeiter meist lediglich zur Säuberung der Böden ein. Ihre Aufgabe ist es die Äcker per Hand von Pflanzenresten, wie zum Beispiel Wurzeln, zu befreien, die von den großen Landmaschinen nicht entfernt werden können. „Familiäre Landwirtschaft bringt zwar weniger Gewinn, aber ernährt langfristig“, sagt Lúcia. Eine Landmaschine ersetzt die Arbeit von ca. zwanzig Plantagenarbeitern. „Damit sind wir nicht einverstanden. Wir wollen dem Landarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz garantieren und nicht zulassen, dass ihm das Recht auf Arbeit genommen wird.“
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